Nähabenteuer Vintage-Schnitte

Blättern Sie manchmal durch die aktuellen Nähzeitschriften und bleiben uninspiriert? Alles irgendwie schon mal gesehen, zu zahm, zu mainstream, zu „schnell zu nähen“?

Dann schauen Sie sich bei den Vintage Schnittmustern um. Und nein, damit meine ich nicht die vermeindlichen Wiederauflagen von Burda bis Butterick, sondern the real deal. Tatsächliche Schnittmuster aus anderen Jahrzehnten. Ich garantiere, Sie werden sich verlieben.

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Vielleicht in weit wippende Röcke, oder in ausladende Kragen und Manschetten. In lässig weite, unendlich lange Hosenbeine oder in am Körper herabfließende Satinkleider. In messerscharfe Schultern oder Space Age Kleider … Ganz egal in welche Dekade, in welchen Style Sie sich vergucken, Sie werden begeistert sein, von den ausgefeilteren und ausgefalleneren Details und Schnittlösungen. Alleine der Variantenreichtum, mit dem Taschen nicht nur irgendwo eingebaut werden, sondern zum Designelement werden, kann eine schon für Vintage Schnittmuster einnehmen.

Außerdem bieten Schnittmuster anderer Dekaden Alternativen zu den gerade angesagten Silhouetten und Formen und erweitern damit Ihr Spielfeld und Ihre Ausdrucksmöglichkeiten.

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Zudem verbirgt sich in jedem dieser Schnittmuster eine Zeitreise. Das beginnt schon bei der Schnittbeschreibung und der Zutatenliste. Stoffe, von denen Sie nie gehört haben. Anlässe, die uns heute vollkommen absurd vorkommen – oder haben Sie Nachmittagskleider? – und trotzdem ihren eigenen Charme haben.

Die Zeitreise setzt sich bei der Paßform fort, denn: andere Zeiten, andere Unterwäscheformen, andere Paßformen. Aber auch: andere Körperideale. Schnittmuster aus den späten 50ern und frühen 60ern produzieren oft eine etwas hängende Schulter, ganz im Gegensatz zu den ausgeprägten, gepolsterten Schulterpartien der 40er und 80er.

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Sie lesen es wohl schon heraus: Simpel ist das Arbeiten mit Vintage Schnittmustern nicht … aber: es ist auch nicht sooo umständlich, dass es nicht mit ein bißchen Recherche und Lust am Experiment auszuprobieren ist. Mit gutem Erfolg.

Da die Begeisterung für alte Schnittmuster auch schon einige Jahre anhält, gibt es mittlerweile eine Menge hilfreicher Blog-Posts zum Thema aber auch einige gute neue Bücher. Ideal ist natürlich, wenn Sie im Antiquariat (online oder offline) ein Nähhandbuch aus der Dekade, mit der Sie sich beschäftigen wollen, bekommen können. Gerade in alten Zeitschriften sind die Anleitungen minimal und es wird eine Menge handwerkliches Können vorausgesetzt. Die Lernkurve ist bei Vintage Schnittmustern steil.

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Aber wie wird frau derer überhaupt habhaft? Der einfachste erste Schritt: ältere Frauen in Familien und Freundekreis fragen, ob die noch welche besitzen. Da kann eine schon mal Schätze heben. Dann bei Etsy und Ebay schauen – und sich ein festes Preislimit setzen (;-)). Auch auf Flohmärkten kann eine fündig werden. Mittlerweile gibt es auch Onlinehändler, die sich auf Vintage-Schnittmuster spezalisiert haben. Meist sind die aber sehr teuer.

Nehmen wir also mal an, Sie haben ein angeschmachtetes Schnittmuster in Ihren Besitz gebracht, was nun?

Egal ob Sie ein Einzelschnittmuster oder eine Zeitschrift ergattert haben, kopieren Sie den Schnitt. Papier altert schlecht und Sie wollen ja nicht, dass Ihnen das wertvolle Stück unter den Händen zerfällt. Meist ist das Seidenpapier der Schnitte zwar in besserem Zustand als die Hülle, aber Änderungen lassen sich in jedem Fall besser auf frischem Papier machen.

Messen Sie den kopierten Schnitt aus. Auch in den Zeitschriften sind oft nicht alle Größen enthalten, Sie werden also verkleinern oder vergrößern müssen. Achten Sie auf den Brustpunkt. Gerade bei Schnitten aus den 50ern und 60ern werden Sie den nach unten verlegen müssen.

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Nähen Sie gerade bei aufwendigeren Schnitten in jedem Fall ein Probeteil. Erstens können Sie die veränderte Paßform überprüfen ohne Ihren Originalstoff zu opfern. Zweitens haben Sie damit alle ungewohnten Arbeitsschritte schon einmal durchgeführt, was vor Fehlern beim zweiten Durchgang schützt.

Gehen Sie bei der Stoffwahl durchaus gegen die Entstehungszeit des Schnitts. Wer z.B. für die Hemdkragenbluse aus den 70s bunt-psychodelisch gemusterten Stoff nimmt, landet schnell bei einem etwas kostümhaften Eindruck. Ein luxuriöser unifarbener Blusenstoff oder ein dezentes Muster lassen den Schnittdetails (hier vermutlich der Kragen) den Vortritt.

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Beim Styling empfiehlt sich ebenfalls eher der Bruch. Kombinieren Sie zum 50s Blümchenkleid mit weitem Rock eher Boots oder Chucks und eine Bikerjacke als Ballerinas und pastellige Strickjacken. (Ausgesprochene Decade-Dresser werden das anders sehen und sich von Kopf bis Fuß ihrer Dekade entsprechend kleiden, aber das ist eine andere Geschichte.)

Wenn Ihnen das alles zunächst zu viel erscheint, dann tasten Sie sich langsam ran. Picken Sie sich aus einem Vintage-Schnitt ein tolles Detail – den Rückenausschnitt, vielleicht – und verändern Sie einen gut angepaßten Schnitt aus Ihrem Fundus entsprechend. Oder nehmen Sie sich eine der Verarbeitungstechniken vor, die in den Anleitungen häufig vorkommen, und probieren Sie die bei Ihrem nächsten Nähprojekt aus. Und dann steigern Sie langsam den Schwierigkeitsgrad.

In jedem Fall werden Sie mit einem einzigartigen Kleidungsstück belohnt, das so garantiert keine andere trägt. Und dafür nähen wir ja schließlich, non?

 

 

 

 

 

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