Trends und was frau mit ihnen macht

Wer kennt das nicht? Vielfältige Wahlmöglichkeiten – sei es Stoffauswahl, sei es das Angebot an Schnitten – sind Quelle von Lust und Frust zugleich. Übergroße Auswahl lähmt. Nach welchen Kriterien trifft man angesichts unübersichtlicher Fülle eine Wahl?

Durch die Galaxien textiler Möglichkeiten gibt es zwei Navigationssysteme: Trends und persönlicher Stil. Zwei unterschiedliche Ansätze, die sich dennoch kreuzen.

Trends entwickeln sich auf verschiedenen Ebenen, mit unterschiedlicher Durchschlagskraft. Der Lemming-Schnitt der Saison mag in der online-Nähszene für Aufregung und Nähräusche sorgen und im gesamten Bekleidungskontinuum vollkommen unbedeutend sein.

Zumeist werden Trends als Vorgaben präsentiert: dies oder das MUSS frau kaufen und tragen (oder nähen und tragen, in unserem Fall), will sie nicht unmodern sein.

Betrachtet man Mode-Trends aber nicht als Vorschrift, sondern als Ergebnis kuratorische Arbeit – ein paar Leute, die sich mit der Materie intensiv beschäftigen, … und ja, auch ihre eigenen Agenda verfolgen … sortieren vor und empfehlen diejenigen textilen Erfahrungen, die in besonderem Maße aufregend, neu, zu mindest doch anders sind, dann sind sie nichts als eine Vorauswahl. Eine Orientierungshilfe in den Weiten der Möglichkeiten. Wie bei einer Ausstellung kann frau sich auf diese vorstrukturierte Erfahrung einlassen, oder dem Ganzen ihre eigene Bedeutung zuschreiben.

Trends schaffen dabei den Spagat, neue Seh- und Trageeindrücke für eine große Menge von Menschen zu etablieren. Ein Beispiel: Von all den Hosenformen, die mach- und tragbar sind – wählen im Moment eine signifikante Anzahl von Designern, Konfektionären und Schnittmusterherstellern den relativ lange nicht mehr gesehenen Hosenrock (in Fashion Speak gerade Culottes genannt) als die aktuelle Hosenform. Die weiten, meist dreiviertel langen Hosenbeine stellen eine  neue Seh- und Tragegewohnheit dar, die in deutlichem Gegensatz zu den noch allgegenwärtigen Skinnies steht.

Navigiert frau primär nach dem eigenen Stilempfinden durch die vielen Möglichkeiten, die das Selbermachen von Kleidung bietet, wird ihr Auswahlprozess manchmal zu einer rechten Queste ausarten. Der Wollcrèpe in Fuchsia, der es dann unbedingt sein muß, existiert ganz sicher irgendwo da draußen, nur vielleicht nicht gerade um die Ecke. Nach dem eigene Stil zu navigieren, schließt eine Menge Möglichkeiten von vorn herein entschieden aus und bestärkt eine andererseits in der resuluten Suche nach DEM perfekten Material, DEM perfekten Schnitt, u.s.w.

Trends sind dagegen leicht verfügbar.

Letztlich sind diese beiden Auswahlbewegungen aber auchunentwirrbar miteinader verwoben. Der persönliche Stil bildet sich immer in Relation zur gängigen Modesprache und ihren Trends. Auch und gerade dort, wo er sich emphatisch von ihr absetzen will. Unsere Sehgewohnheiten und damit unser ästhetisches Empfinden werden mitgeprägt von dem, was uns alltäglich in den Medien,  auf der Straße, in der U-Bahn und am Arbeitsplatz unter die Augen kommt.

Mancher Trend kommt dem persönlichen Stil sehr entgegen. Mancher erntet nicht mehr als ein unverständiges Kopfschütteln. Ein dritter fesselt unsere Aufmerksamkeit, obwohl er jenseits unserer selbstdefinierten Stilgrenzen liegt.

Was tut eine Hobbyschneiderin nun mit den neuesten, gehyptesten Modetrends?

Sie bleibt vollkommen entspannt. Wenn Ihre Farben gerade nicht IN sind und Ihr Stofflager recht knapp ist, könnte es zu Engpässen kommen. Ansonsten aber können Sie Trends komplett ignorieren. Wenn Sie das wollen.

Sie haben Ihren Stil, der langweilt Sie kein bißchen und fühlt sich auch nicht an, als passe irgendetwas nicht mehr?
Suchen Sie sich Stoff und Schnitt aus, die Ihre Augen glänzen lassen, und nähen Sie glücklich bis an Ihr Lebensende.

Ihnen kommt ein Trend unter, der direkt aus Ihrem Kleiderschrank geklaut zu sein scheint?
Lächeln Sie triumphierend und machen Sie weiterhin Ihr Ding. Irgendwann steht dann wieder niemand mehr auf Mod-Klamotten und Sie sind aufs Neue die coole Exotin, die Sie lange waren.

Da ist dieses neue heiße Ding, das Sie total fasziniert, aber seeeehr weit außerhalb Ihrer Komfortzone liegt?
Wagen Sie einen Versuch. Vielleicht nicht gerade in einem Stoff, der ein halbes Monatsgehalt verschlingt. Aber in einer guten Qualität. Betrachten Sie es als Experiment. Tragen Sie Ihr trendiges Teil wie Sie ein Auto probefahren würden. Mitunter stellen wir bei solchen Experimenten nämlich fest, dass wir unsere Stil-Grenzen zu regide gezogen haben und da draußen noch andere Möglichkeiten existieren, unsere Persönlichkeiten in Kleidung auszudrücken.

Bestimmen Sie Ihren eigenen Kurs und sehen Sie Trends als Strömungen, die Sie nutzen können, wenn es IHNEN paßt.

 

 

 

 

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