Wann war Ihr letztes Erstes Mal?

Wir halten uns beim Nähen gerne in unseren Komfortzonen auf. Es gibt Kleidungsstücke, Schnitte, Materialien, Verarbeitungsweisen, die wir sehr oft benutzen, die uns vertraut sind und bei denen wir ein gewisses Gefühl von Könnerschaft verspüren.

Dann gibt es Materialien, Schnitte, Verarbeitungsweisen, die verwenden wir, wenn wir ein bestimmtes Kleidungsstück dringend brauchen und es uns nähen wollen: Mäntel, die diversen Futtermaterialien dafür, Paspelknopflöcher. Um ein Beispiel zu nennen.

Schließlich gibt es jene Bereiche, die off-limits sind: Materialien, die wir nie anrühren. Kleidungsstücke, die wir uns nicht nähen, weil wir sie für zu kompliziert oder zu fitzelig halten. Schnitte, die nicht unserem Stil zu entsprechen scheinen.

Es ist nicht verkehrt, in der Masse der Möglichkeiten Beschränkungen zu setzen und zu sagen: ich konzentriere mich auf diese Dinge. Diese Konzentration macht uns erst handlungsfähig.

Dumm nur, wenn sich in diesen off-limits liegenden Nähgefilden Dinge herumtreiben, die uns sehr reizen.

Bei mir sind das zur Zeit Hosen und Dessous. Ich verbringe eine Menge Zeit in Hosen und ich gebe eine Menge Geld für passende BHs aus, die dann nicht immer meine Traumfarbe haben. Es gibt also durchaus Anreize, beides anzugehen.

Meist tut frau es aber nicht. Vielleicht, weil der allererste Hosenversuch viel Arbeit machte und kein akzeptables Ergebnis brachte. Vielleicht, weil allein schon die Materialauswahl eine schwindelig macht. Vor allem aber, weil uns die kleine Niggelstimme im Inneren suggeriert, dass wir wieder als blutige Anfängerinnen da stehen werden. Mit all der Unsicherheit. Dem Gefrickel. Den suboptimalen Ergebnissen. …

Die gute Nachricht: Die Niggelstimme hat mal wieder unrecht.

Wenn wir uns jetzt ein neues Nähgebiet vornehmen, fangen wir nicht wieder bei null an. Wir nehmen unser gesamtes ernähtes Handlungswissen mit. Klar wird Neues oder Ungewohntes gefordert sein, aber das löscht all die Näherfahrung, die Sie schon gesammelt haben, nicht aus. Wenn Ihr aller erstes Nähstück vor 7 Jahren ein einfacher A-Linie-Rock war, dann wird Ihre erste Jeans nicht aussehen wie dieser erste Rock.

Auch gut zu wissen: Es wird immer Nähherausforderungen geben, vor denen wir uns ängstigen und die wir gleichzeitig sehr gerne können wollen würden. Diese Grenze werden wir immer vor uns herschieben. Egal wie gut wir nähen können, wir werden immer auf etwas stoßen, was just außerhalb dessen liegt, was wir uns zutrauen und das uns lockt.

Wenn Sie merken, dass Sie immer wieder um ein bestimmtes Projekt schleichen, sich aber keinen Ruck geben können, machen Sie sich bitte klar, was im schlimmsten Fall passieren könnte. Sie nähen Kleidung. Das ist keine Operation am offenen Herzen. Im schlimmsten Fall produzieren Sie ein Teil für die Tonnen. So what?

Nehmen Sie also für den ersten, zweiten, dritten Versuch nicht gleich das hochpreisigste Material. Haben Sie ja am Anfang Ihrer Nähkarriere auch nicht getan, oder?

Machen Sie sich klar, dass ein gescheiterter erster Versuch überhaupt nichts über Ihr Nähkönnen im Allgemeinen aussagt. Nur weil Sie den ersten BH versemmeln, bedeutet das nicht, dass Sie NIEMALS einen extrem tollen, supersitzenden BH werden nähen können. Selbst erfahrenen Schneidermeisterinnen geht regelmäßig was schief. Außer vielleicht solchen, die im Fernsehen auftreten. 😉 Die besten Geschichten, die Schneiderinnen erzählen, sind die, in der sie in höchster Not einen dicken Fehler noch geschickt kaschiert haben. Keine Teile für die Tonne produzieren zu wollen, heißt: Nichts mehr nähen.

Wenn Sie was Aufregend-Neues anfangen, schrauben Sie Ihre Erwartungen an das Ergebnis bitte vorerst runter. Sie müssen sich mit Material und Technik vertraut machen, neue Abläufe einüben. Konzentrieren Sie sich darauf, den Prozess zu verinnerlichen.

Machen Sie kein Drama draus, sondern gehen Sie das Projekt mit einer gewissen Entspanntheit an. Bereiten Sie gut vor, arbeiten Sie methodisch, nicht unter Zeitdruck. Improvisieren Sie nicht gleich beim ersten Stück lustig drauf los – außer es entspricht Ihrem allgemeinen Arbeitsmodus. Holen Sie sich Hilfe.

Warum sollten Sie sich das überhaupt antun?

Erinnern Sie sich noch an Ihr letztes Erstes Mal? Egal was. Irgendetwas, was Sie schon immer tun wollten und zu dem Sie sich lange durchringen mussten?

Versuchen Sie sich zu erinnern, wie Sie sich danach gefühlt haben.

Lebendiger? Zufrieden mit sich? Stolz? 20 Zentimeter größer? Weltmeisterlich? High sogar? Mutig? Gewillt, es mit noch sehr viel größeren Herausforderungen aufzunehmen? Jede dieser Gefühlsregungen ist schon Grund genug.

Aber dazu haben Sie gerade damit begonnen, Ihren näherischen Gestaltungsbereich noch mal zu erweitern. Wie großartig ist das?

Wenn Ihr letztes Erstes Mal schon eine Weile her ist, dann wird’s dringend Zeit. Organisieren Sie Ihre Materialien  und nähen Sie es einfach! Schritt für Schritt.

Und ja: Das alles gilt nicht nur fürs Nähen, sondern für fast alles andere im Leben auch. So wie immer beim Nähen.

In diesem Sinne ein abenteuerliches, nervenflatterndes Wochenende.

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